Klinische Daten für Medizinprodukte: Anforderungen, Prozesse & Praxis nach MDR

Klinische Daten Medizinprodukte

Klinische Daten für Medizinprodukte: Definition und regulatorische Notwendigkeit

Was sind klinische Daten und ihre Bedeutung nach MDR?

Die MDR definiert klinische Daten wie folgt:

„„klinische Daten“ bezeichnet Angaben zur Sicherheit oder Leistung, die im Rahmen der Anwendung eines Produkts gewonnen werden und die aus den folgenden Quellen stammen:

  • klinische Prüfung(en) des betreffenden Produkts,
  • klinische Prüfung(en) oder sonstige in der wissenschaftlichen Fachliteratur wiedergegebene Studien über ein Produkt, dessen Gleichartigkeit mit dem betreffenden Produkt nachgewiesen werden kann,
  • in nach dem Peer-Review-Verfahren überprüfter wissenschaftlicher Fachliteratur veröffentlichte Berichte über sonstige klinische Erfahrungen entweder mit dem betreffenden Produkt oder einem Produkt, dessen Gleichartigkeit mit dem betreffenden Produkt nachgewiesen werden kann,
  • klinisch relevante Angaben aus der Überwachung nach dem Inverkehrbringen, insbesondere aus der klinischen Nachbeobachtung nach dem Inverkehrbringen;“
MDR, Artikel 2

Wichtig: Klinische Daten bedeutet keinesfalls immer, dass Daten aus über eine klinische Studie mit dem zu bewertenden Produkt erhoben werden und für die Bewertung vorliegen müssen. Es ist auch möglich, wissenschafltiche Literatur (i.d.R. peer-reviewed), Daten aus der Post-Market Surveillance (PMS) oder dem Post-Market Clinical Follow-up (PMCF) heranzuziehen.

Nachweis von Sicherheit, Leistung und klinischem Nutzen

Die MDR verlangt, dass klinische Daten drei zentrale Aspekte eines Medizinprodukts belegen. Diese werden in Artikel 61 sowie in Anhang I explizit gefordert:

1. Sicherheit (Safety) Der Nachweis, dass das Produkt unter normalen Anwendungsbedingungen keine unvertretbaren Risiken für Patienten, Anwender oder Dritte birgt. Dazu zählen sowohl bekannte Nebenwirkungen als auch die Bewertung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses insgesamt.

2. Leistung (Performance) Der Nachweis, dass das Produkt die vom Hersteller angegebene technische Funktion tatsächlich erbringt. Das kann beispielsweise sein, dass ein Messwert korrekt erfasst wird oder eine bildgebende Funktion die gewünschte Auflösung liefert. Dieser Nachweis ist dann häufig analytisch bzw. technisch geprägt.

3. Klinischer Nutzen (Clinical Benefit) Der Nachweis, dass die technische Leistung tatsächlich einen positiven Effekt auf die Gesundheit des Patienten hat, z. B. eine verbesserte Diagnose, eine gezieltere Therapieentscheidung oder eine höhere Behandlungssicherheit. Dies ist die anspruchsvollste der drei Ebenen, da sie über die reine Funktionsfähigkeit hinausgeht und einen tatsächlichen Mehrwert für den Patienten belegen muss und das in Abwägung der Risiken der Produktanwendung.

Diese drei Ebenen bauen aufeinander auf und sind keinesfalls deckungsgleich: Ein Produkt kann technisch exzellent performen, ohne dass der klinische Nutzen damit bereits vollständig bewiesen ist. Außerdem gibt es Produkte ohne direkten klinischen Nutzen, die nur eine indirekte Auswirkung auf Patientenoutcomes haben. Wie genau die Nachweise erbracht werden müssen, hängt zudem stark von der Produktkategorie, dem Risikoprofil und dem gewählten Bewertungspfad ab.

Doch nicht jedes Produkt benötigt eine klinische Prüfung, um diese Nachweise zu erbringen, wie Sie in den folgenden Absätzen sehen werden.

Die Klinische Bewertung: Prozess, klinische Daten, Datenrouten und Äquivalenz

Erstellung des Klinischen Bewertungsplans (CEP) und Berichts (CER)

Der Prozess der klinischen Bewertung beginnt mit der Strategieerarbeitung im Rahmen des Clinical Evaluation Plan (CEP). Hier werden (in Anhängigkeit zum zuvor definierten State of the Art) Parameter und Akzeptanzkriterien festgelegt, die zur Beurteilung von Sicherheit, Leistungsfähigkeit und klinischem Nutzen im Rahmen der klinischen Bewertung zu belegen sind.
Außerdem werden im CEP die Datenquellen und Bewertungskritierien definiert, die zur Anwendung kommen. Die geforderte Evidenzbasis orientiert sich dabei an der gewählten regulatorischen Bewertungsroute. Diese kann auf nicht-klinischen Daten, klinischen Daten oder Daten von Äquivalenzprodukten basieren.
Steht die Strategie und die Datenroute, so folgt als nächstes die eigentliche klinische Bewertung, die im Clinical Evaluation Report (CER) dokumentiert wird. Dabei wird bewertet, ob die vorliegende Evidenz genügt, um die zuvor festgelegten Parameter und normative Anforderungen an das Produkt zu belegen.

Wann ist eine klinische Prüfung erforderlich?

In der Praxis herrscht oft die Annahme, dass für den Nachweis klinischer Daten grundsätzlich eine eigene klinische Prüfung notwendig ist. Tatsächlich ist das seltener der Fall, als viele Hersteller zunächst vermuten, denn die MDR bietet mehrere alternative Wege, um die geforderten Nachweise zu erbringen.

Bestehende klinische Daten nutzen

Für viele Produkte (insbesondere solche mit etablierter Technologie oder Bestandsprodukte) liegen klinische Daten bereits in anderer Form vor:

  • Literaturrecherche: Systematisch aufbereitete Daten aus wissenschaftlichen Publikationen zum eigenen Produkt oder auch zu äquivalenten Produkten
  • PMS-Daten (Post-Market Surveillance): Erfahrungswerte aus der Marktbeobachtung des eigenen Produkts
  • PMCF-Daten (Post-Market Clinical Follow-up): Kontinuierlich erhobene klinische Daten aus der Anwendung nach Markteinführung, die klinische Parameter mit abdecken

Bei Bestandsprodukten mit einer soliden Historie kann die Kombination aus Literatur, PMS und PMCF oft ausreichen und es muss keine klinische Prüfung angestoßen werden.

Die Performance-Route als präklinischer Nachweisweg

Für bestimmte Produktkategorien erlaubt die MDR den Nachweis von Sicherheit und Leistung über präklinische, technische bzw. analytische Daten anstelle einer klinischen Prüfung am Patienten.

Diese Route stößt jedoch an eine klare Grenze: Sie funktioniert nur, solange kein direkter klinischer Outcome durch das Produkt selbst beansprucht wird. Sobald ein Hersteller behauptet, das Produkt verbessere eine Diagnose, eine Therapieentscheidung oder ein Patienten-Outcome unmittelbar, reicht der rein technische Nachweis nicht mehr aus, denn dieser klinische Nutzen muss dann wieder durch klinische Daten belegt werden.

Wann bleibt die klinische Prüfung unumgänglich?

Eine eigene klinische Prüfung wird in der Regel dann notwendig, wenn:

  • keine ausreichenden Literatur-, PMS/PMCF- oder Äquivalenzdaten vorliegen,
  • ein neuartiges Wirkprinzip oder eine neue Zweckbestimmung vorliegt, für die keine Daten existieren,
  • ein direkter klinischer Nutzen behauptet wird, der sich nicht allein durch technische Performance-Daten stützen lässt und andere klinische Daten ebenfalls fehlen,
  • die Benannte Stelle im Rahmen der Konformitätsbewertung zusätzliche klinische Evidenz einfordert.

Die strategische Herausforderung besteht also weniger darin, ob überhaupt klinische Daten benötigt werden, sondern darin, auf welchem Weg diese am effizientesten und regulatorisch belastbar erbracht werden können.

Das Äquivalenzprinzip und seine Grenzen

Wenn ein Referenzprodukt mit vorhandenen klinischen Daten bereits auf dem Markt ist, klingt es verlockend: Statt eigene klinische Daten zu erheben, verweist man einfach auf die Daten des Vergleichsprodukts. Diese sogenannte Äquivalenzroute ist unter der MDR jedoch streng geregelt und scheitert in der Praxis häufiger, als viele Hersteller erwarten.

Die MDR verlangt für einen Äquivalenznachweis Übereinstimmung in drei Dimensionen gleichzeitig:

  • Technische Äquivalenz – ähnliches Design, ähnliche Einsatzbedingungen und Spezifikationen
  • Biologische Äquivalenz – identische Materialien im Patientenkontakt (nicht nur ähnliche!)
  • Klinische Äquivalenz – gleiche Indikation, Anwendergruppe, Patientenpopulation und anatomische Anwendungsstelle

Alle drei Kategorien müssen vollständig erfüllt sein. In der Praxis ist es vor allem die biologische Äquivalenz, an der die meisten Nachweise scheitern: Die MDR fordert hier identische Materialien oder Substanzen, nicht bloß ähnliche. Schon eine geänderte Beschichtung oder ein zusätzliches patientenkontaktierendes Bauteil kann die Äquivalenz kippen.

Wichtig zu verstehen: Der Äquivalenznachweis ersetzt nicht die klinische Bewertung, sondern ist lediglich ein Weg, klinische Daten eines anderen Produkts in die eigene Bewertung einfließen zu lassen. Die klinische Bewertung selbst bleibt in jedem Fall verpflichtend.

Gelingt der Äquivalenznachweis nicht, sind die betreffenden Daten zu ähnlichen Produkten zwar nicht als direkter Sicherheits- oder Leistungsnachweis verwendbar, aber keineswegs wertlos: Sie helfen etwa bei der Risikoidentifikation oder bei der Planung eigener klinischer Prüfungen und PMCF-Studien.

Das Thema Äquivalenz habe ich in diesem Artikel für Sie zusammengefasst.

Aus der Praxis: Performance-Route als Alternative bei technischen Messfunktionen

In einem aktuellen Projekt, das ich begleite, wird ein Produkt mit kombinierter Visualisierungs- und Messfunktion über die Performance-Route zur Zulassung geführt. Die analytische Validierung belegt die technische Präzision der Messfunktion zuverlässig. Offen bleibt jedoch, wie sich diese Präzision im klinischen Alltag auf Anwenderverhalten und Behandlungsentscheidungen auswirkt. Das ist eine Frage, die im Rahmen der Erstzulassung bewusst nicht abschließend beantwortet wird. Stattdessen wird die Antwort geplant in die Post-Market-Phase verschoben wird.

Erhebung und Management klinischer Daten im Produktlebenszyklus

Klinische Prüfungen und PMCF-Studien (Post-Market Clinical Follow-up)

Post-Market Clinical Follow-up (PMCF) wird von vielen Herstellern noch immer als nachgelagerte Pflichtübung behandelt: Die Zulassung ist erreicht, jetzt muss noch eine Studie „irgendwie“ die Sicherheit und Leistung im Feld bestätigen. Diese Sichtweise verschenkt erhebliches Potenzial, gerade bei Produkten, die initial über die Performance Route zugelassen wurden.

Ein strategisch durchdachter Ansatz sieht anders aus: Die PMCF-Studie wird nicht nachträglich konzipiert, sondern bereits parallel zur Zulassungsstrategie geplant. Der Leitgedanke dabei: Welche klinischen Fragen konnte die technische/analytische Validierung nicht beantworten und wie lassen sich genau diese Fragen zu den primären Endpunkten der PMCF-Studie machen?

Dieser Ansatz hat gleich mehrere Vorteile:

  1. Keine doppelte Datenerhebung. Wenn die offenen Fragen aus der Zulassungsphase bereits bekannt sind, lässt sich die PMCF-Studie gezielt darauf zuschneiden, statt nur allgemeine Sicherheitsdaten zu sammeln.
  2. Kohärente Evidenzkette gegenüber der Benannten Stelle. Statt zwei getrennte Argumentationslinien („Zulassung basiert auf X“ / „PMCF prüft irgendwann mal Y“) entsteht eine durchgängige Logik: Die Performance-Zulassung deckt die technische Validität ab, die PMCF schließt gezielt die verbleibende klinische Lücke.
  3. Frühzeitige Risikominimierung. Neben Leistungsdaten und der Messung direkter klinischer Outcomes können Sicherheitsaspekte integriert werden. Das PMCF bietet hier den Rahmen für eine strukturelle Erhebung von Langzeitdaten aus der klinischen Anwendung.

Aus der Praxis: PMCF strategisch denken, Zulassung und Nachbeobachtung aus einem Guss

Im bereits erwähnten Projekt mit Visualisierungs- und Messfunktion wurde die PMCF-Studie so konzipiert, dass sie exakt jene Outcomes verifiziert, die im Rahmen der Performance-Validierung technisch nicht abbildbar waren. Das waren insbesondere Fragen zur klinischen Anwendung und zum realen Nutzen der Visualisierungskomponente im Behandlungskontext. Diese Outcomes wurden nicht erst nach Zulassungserteilung entwickelt, sondern bereits während der Erstellung des klinischen Bewertungsplans mitgedacht und dokumentiert.

Fazit

Klinische Daten sind vielfältiger als oft gedacht und kommen aus verschiedenen Quellen: Studien, Literatur, PMS- und PMCF-Daten fließen gleichermaßen ein und können sich gegenseitig ergänzen. Wer glaubt, jede MDR-Zulassung erfordere zwangsläufig eine eigene klinische Prüfung, unterschätzt die Flexibilität, die der regulatorische Rahmen tatsächlich bietet, und riskiert damit unnötigen Zeit- und Kostenaufwand.

Die zentrale strategische Erkenntnis dieses Artikels lässt sich so zusammenfassen: Nicht die Frage, ob klinische Daten benötigt werden, ist entscheidend, sondern auf welchem Weg sie am effizientesten erbracht werden können. Ob Literaturrecherche, Äquivalenznachweis, Performance-Route oder eigene klinische Prüfung: Jeder dieser Wege hat klar definierte Voraussetzungen und Grenzen, die möglichst früh im Entwicklungsprozess geprüft werden sollten.

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Performance-Route: Sie kann den Zulassungsprozess erheblich beschleunigen, verlagert aber offene klinische Fragen bewusst in die Post-Market-Phase. Genau hier zeigt sich, warum PMCF nicht als lästige Pflichtübung nach der Zulassung, sondern als integraler Bestandteil der Gesamtstrategie gedacht werden sollte.

Für Hersteller bedeutet das konkret: Die klinische Bewertung darf nicht als isolierter Schritt behandelt werden, der am Ende der Produktentwicklung „abgehakt“ wird. Sie ist ein durchgängiger und iterativer Prozess, der von der ersten Strategieentscheidung im CEP bis zur letzten PMCF-Auswertung reicht.

Prüfen Sie frühzeitig und ergebnisoffen, welche Datenquellen und Bewertungspfade für Ihr Produkt realistisch sind, bevor Sie sich auf eine Strategie festlegen. Das spart nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern schafft auch die kohärente Evidenzkette, die Benannte Stellen zunehmend erwarten.

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Portrait Tanja Domke
Hallo, ich bin Tanja Domke.

Als Fachexpertin unterstütze ich Medizinproduktehersteller in den Bereichen Klinische Bewertung und Biologische Sicherheit.

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Als Expertin für die Bereiche Klinische Bewertung und Biologische Sicherheit unterstütze ich Medizinproduktehersteller mit pragmatischen Bewertungsansätzen. 

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