Zytotoxizität von Medizinprodukten: Prüfung nach ISO 10993-5

Zelle

Zytotoxizitätsprüfungen nach ISO 10993-5 sind für alle Medizinprodukte Pflicht und gelten als erster Screening-Test im Rahmen der biologischen Sicherheitsbewertung. Geprüft wird, ob Extrakte oder das Produkt selbst Zellschäden verursachen. Ein positives Ergebnis ist kein automatisches Zulassungshindernis, muss aber im Kontext der Gesamtbewertung der Biologischen Sicherheit dokumentiert und abgewogen werden.


Wer ein Medizinprodukt in den europäischen Markt bringen will, kommt an der biologischen Sicherheitsbewertung nicht vorbei. Und innerhalb dieser Bewertung ist die Zytotoxizitätsprüfung meist der erste Test, der durchgeführt wird. Das hat einen einfachen Grund: Sie ist vergleichsweise günstig, schnell umsetzbar und liefert früh ein Signal, ob das Produkt problematisch sein könnte.

Die rechtliche Grundlage ist die EU MDR. Die technische Umsetzung regelt die ISO 10993-Familie, konkret Teil 1, Teil 5 und Teil 12. Zytotoxizität von Medizinprodukten wird dabei nicht am Rohmaterial geprüft, sondern am finalen Produkt nach Reinigung, Sterilisation und möglichst in Originalverpackung.

Dieser Artikel gibt einen strukturierten Überblick über den regulatorischer Rahmen, Testmethoden, Prüfparameter und die Frage, was ein positives Ergebnis in der Praxis tatsächlich bedeutet.


Welche regulatorische Grundlage gilt für die Zytotoxizitätsprüfung?

Die EU MDR (Verordnung 2017/745) fordert den Nachweis der biologischen Sicherheit von Medizinprodukten. ISO 10993-1 legt fest, welche biologischen Tests notwendig sind. ISO 10993-5 regelt die Durchführung der Zytotoxizitätsprüfung. ISO 10993-12 definiert die Probenvorbereitung und Extraktion.

Die EU MDR selbst nennt keine spezifischen Testmethoden. Sie fordert, dass Hersteller die biologische Sicherheit ihrer Produkte nachweisen. Die strategische Entscheidung, wie dieser Nachweis erbracht wird, ist Aufgabe des Biokompatibilitätsplans (BEP). Darin legt der Hersteller fest, welche Tests durchgeführt werden, welche Normen angewendet werden und wie Ergebnisse bewertet werden.

Die ISO 10993-1 ist das Einstiegsdokument dieser Familie. Sie enthält mehrere Tabellen, die in Abhängigkeit von Kontaktart und Kontaktdauer festlegen, welche biologischen Effekte evaluiert werden müssen. Zytotoxizität steht dabei in jeder Kombination auf der Liste.

ISO 10993-5 definiert dann konkret: Welche Testmethoden sind geeignet? Wie werden Ergebnisse bewertet? Was gilt als zytotoxisch? ISO 10993-12 ergänzt das System um die Extraktion: Welches Extraktionsmittel wird verwendet, bei welcher Temperatur, in welchem Verhältnis von Oberfläche zu Volumen?

Alle drei Normen zusammen bilden die Basis für eine regelkonforme Prüfung.


Was wird bei der Zytotoxizitätsprüfung eigentlich getestet?

Geprüft wird, ob Substanzen, die aus einem Medizinprodukt freigesetzt werden, Zellen schädigen oder abtöten. Dazu werden entweder Extrakte des Produkts auf Zellen aufgebracht oder das Produkt kommt direkt oder indirekt mit dem Zellrasen in Kontakt. Als Testzellen dient meist die Maus-Fibroblastenzelllinie L929.

Der Test ist ein In-vitro-Screening. Er bildet keine klinische Situation eins zu eins ab, sondern liefert ein frühes Signal: Setzt dieses Material unter definierten Bedingungen Substanzen frei, die Zellen schaden?

Die Zelllinie L929 ist der Standard nach ISO 10993-5. Sie ist gut charakterisiert, robust und ermöglicht die Vergleichbarkeit zwischen Laboren. In begründeten Fällen können andere Zelllinien verwendet werden, etwa wenn die klinische Anwendung eine spezifischere Zelllinie nahelegt.

Gemessen wird die Reaktion der Zellen auf die Exposition: morphologische Veränderungen, Stoffwechselaktivität oder Membranintegrität. Welche Parameter genau erfasst werden, hängt von der gewählten Testmethode ab.


Welche Testmethoden schreibt die ISO 10993-5 vor?

ISO 10993-5 schreibt keine einzelne Methode vor, sondern definiert drei Testprinzipien: Eluat-Test, Direktkontakt-Test und indirekter Kontakt-Test. Welches Prinzip eingesetzt wird, hängt von der Produktkategorie und der klinischen Anwendung ab.

Eluat-Test

Beim Eluat-Test wird das Produkt in einem Extraktionsmittel (meist Kulturmedium) inkubiert. Das Extrakt wird dann auf den Zellrasen aufgebracht. Die Zellen haben keinen direkten Kontakt mit dem Produkt selbst.

Extrakt und Verdünnungsreihen werden auf die Zellen aufgebracht und nach 24 Stunden ausgewertet. Die Auswertung kann qualitativ (Morphologie) oder quantitativ (Viabilität in Prozent) erfolgen.

Direktkontakt-Test

Das Produkt oder ein Stück davon wird direkt auf den bewachsenen Zellrasen gelegt. Freigesetzte Substanzen diffundieren in das Nährmedium und wirken auf die Zellen.

Der Test ist anspruchsvoller in der Durchführung, weil das Auflegen des Prüfkörpers den Zellrasen mechanisch beeinflussen kann. Dieser Effekt muss bei der Auswertung berücksichtigt werden.
Die Auswertung erfolgt qualitativ über eine Bewertung der Zellverteilung über die Kontaktstelle.

Indirekter Kontakt-Test (Agar-Überschichtung)

Zwischen Zellrasen und Prüfkörper liegt eine Agarschicht. Substanzen diffundieren durch den Agar auf die Zellen. Das Verfahren schützt den Zellrasen vor mechanischer Beeinflussung und eignet sich gut für feste Materialien.

Die Auswertung erfolgt qualitativ über das morphologische Grading.


Wie wird die Probenvorbereitung nach ISO 10993-12 durchgeführt?

ISO 10993-12 legt fest, wie Extrakte hergestellt werden. Zentrale Parameter sind das Extraktionsmittel, das Verhältnis von Probenoberfläche zu Extraktionsvolumen, Temperatur und Extraktionsdauer. Standardbedingungen sind 37 °C für 24 Stunden. Das Extraktionsmittel muss zur klinischen Anwendung des Produkts passen.

Die Probenvorbereitung ist kein Nebenschauplatz. Falsch gewählte Extraktionsbedingungen können das Ergebnis in beide Richtungen verfälschen: zu wenig Extraktion übersieht problematische Substanzen, zu aggressive Extraktion erzeugt Artefakte.

Extraktionsmittel: Am häufigsten eingesetzt werden Zellkulturmedium mit Serum (physiologisch relevant), Kochsalzlösung und Sesamöl (für lipophile Substanzen). Die Wahl hängt davon ab, welche Substanzen das Produkt im klinischen Einsatz abgeben könnte und in welches Milieu.

Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis: ISO 10993-12 gibt Standardwerte vor, zum Beispiel 3 cm² pro ml. Das Verhältnis beeinflusst direkt die Konzentration der extrahierten Substanzen im Eluat.

Temperatur und Zeit: Diese Parameter richten sich nach der klinischen Anwendung und insbesondere nach der Kontaktdauer des finalen Produkts.

Das fertige Produkt in Originalverpackung nach dem letzten Fertigungsschritt ist die korrekte Probenform. Rohmaterial allein reicht nicht, weil Reinigung und Sterilisation die Substanzfreisetzung verändern können. Alternativ können repräsentative Prüfköper verwendet werden, die alle Herstellungsschritte des Gesamtprodukts abbilden.


Welche quantitativen Testmethoden gibt?

ISO 10993-5 schreibt keine spezifische Methode vor. Neben dem MTT-Assay sind XTT und Neutral Red Uptake (NRU) etablierte quantitative Verfahren. Die Wahl hängt vom Extrakt, der Fragestellung und den Laborbedingungen ab.

Alle drei Methoden messen die Zellvitalität auf unterschiedlichen Wegen:

MethodePrinzipBesonderheit
MTT-AssayMaß für die Mitochondrienaktivität: Reduktion zu unlöslichem Formazan, Solubilisierung notwendigEtablierter Standard, Annex C der ISO 10993-5
XTT-AssayWie MTT, Reduktion zu löslichem FormazanKein Solubilisierungsschritt nötig, direktere Messung
Neutral Red Uptake (NRU)Aufnahme des Farbstoffs in Lysosomen lebender ZellenMisst Membranintegrität, nicht Mitochondrienaktivität

MTT und XTT messen die mitochondriale Stoffwechselaktivität. NRU erfasst die Membranintegrität. Beide Parameter können voneinander abweichen, wenn eine Substanz selektiv einen der beiden Mechanismen angreift.

Farbinterferenzen sind bei allen drei Methoden relevant. Stark gefärbte oder trübe Extrakte können die Absorption verfälschen. Jeden Extrakt vor dem Test auf Eigenfärbung und Trübung prüfen.


Wie unterscheiden sich qualitative und quantitative Bewertung?

Die qualitative Bewertung beurteilt morphologische Veränderungen am Zellrasen unter dem Mikroskop und ordnet sie einem Reaktivitätsgrad (Grad 0–4) zu. Die quantitative Bewertung misst die Zellviabilität in Prozent über einen kolorimetrischen Assay. Beide Methoden liefern unterschiedliche Informationsebenen und können kombiniert werden.

Qualitative Bewertung: Morphologisches Grading

Die qualitative Methode ist visuell. Nach der Expositionsphase wird der Zellrasen unter dem Mikroskop beurteilt. Bewertet werden Veränderungen in Zellform, Zellgröße, Vakuolisierung und Zellablösung sowie die räumliche Ausdehnung der betroffenen Zone bei Direktkontakt.

ISO 10993-5 definiert eine Gradingskala von 0 bis 4.
Ab Grad 2 gilt das Ergebnis als zytotoxisch relevant. Das bedeutet nicht automatisch, dass das Produkt nicht zugelassen werden kann.

Die qualitative Bewertung ist beobachterabhängig. Zwei Personen können denselben Zellrasen unterschiedlich einstufen. Bildstandards in der SOP und das Vier-Augen-Prinzip sind deshalb notwendig für reproduzierbare Ergebnisse.

Quantitative Bewertung: Zellviabilität in Prozent

Die quantitative Methode liefert einen Zahlenwert. Die Zellviabilität wird als Prozentwert im Verhältnis zur Negativkontrolle ausgedrückt:

Viabilität [%] = (OD Probe / OD Negativkontrolle) × 100

Grenzwert nach ISO 10993-5: Unter 70% Viabilität gilt als zytotoxisch.

Der Vorteil gegenüber der qualitativen Methode: Das Ergebnis ist objektiv, statistisch auswertbar und vergleichbar. Kolorimetrische Assays messen aber nur einen Aspekt der Zellschädigung und reagieren empfindlich auf Farbinterferenzen im Extrakt.

Kombination beider Methoden

In der Praxis werden qualitative und quantitative Bewertung häufig kombiniert. Beim MTT-Assay ist die Mikroskopie vor der Medienentfernung sinnvoll. Sie liefert morphologische Dokumentation und ermöglicht die Kontrolle der Zellkonfluenz, bevor der quantitative Teil beginnt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine quantitative Viabilität von 66% liegt unter dem Grenzwert von 70% und gilt formal als zytotoxisch. Das morphologische Bild zeigt Grad 2. Ob das Produkt im klinischen Kontext dennoch als biologisch sicher bewertet werden kann, entscheidet die toxikologische Risikobewertung im Biologischen Bewertungsbericht (BER), nicht der Test allein.


Was bedeutet ein positives Zytotoxizitätsergebnis in der Praxis?

Ein positives Ergebnis bedeutet, dass unter den gewählten Testbedingungen zytotoxische Effekte nachgewiesen wurden. Es ist kein automatisches Zulassungshindernis. Der Hersteller muss das Ergebnis im Biologischen Bewertungsbericht (BER) kontextualisieren und eine toxikologische Risikobewertung durchführen.

ISO 10993-1 verlangt keine reine Pass/Fail-Entscheidung. Das Ergebnis ist ein Datenpunkt im Rahmen der Gesamtbewertung. Folgende Fragen sind dabei relevant:

Wie stark ist der Effekt? Ein Grad 2 oder eine Viabilität knapp unter 70% ist anders zu bewerten als ein Grad 4 oder eine Viabilität unter 20%.

Unter welchen Extraktionsbedingungen wurde getestet? Exzessive Extraktionsbedingungen können Ergebnisse erzeugen, die die klinische Realität nicht abbilden.

Was ist der klinische Kontext? Ein Implantat mit dauerhaftem Gewebekontakt wird strenger bewertet als eine Verpackung ohne Patientenkontakt.

Gibt es bekannte Substanzen im Material, die den Befund erklären? Additive, Restlösemittel oder Sterilisationsrückstände können identifiziert und quantitativ bewertet werden.

Das Ergebnis fließt in den BER ein. Dort entscheidet der Toxikologe, ob das verbleibende Risiko im klinischen Nutzen-Risiko-Verhältnis akzeptabel ist. Die Benannte Stelle prüft diese Bewertung im Konformitätsbewertungsverfahren.


FAQ

Muss jedes Medizinprodukt auf Zytotoxizität geprüft werden?

Fast immer ja. ISO 10993-1 ordnet Zytotoxizität für alle Kontaktkategorien als relevanten Endpunkt ein. Ausnahmen sind möglich, wenn eine begründete Argumentation im Biokompatibilitätsplan belegt, dass der Test für das spezifische Produkt nicht anwendbar oder nicht notwendig ist. Diese Begründung muss dokumentiert sein.

Was ist der Unterschied zwischen ISO 10993-5 und ISO 10993-1?

ISO 10993-1 ist das Rahmendokument der biologischen Bewertung. Es legt fest, welche Endpunkte für welche Produktkategorie geprüft werden müssen. ISO 10993-5 ist die Prüfnorm, die konkret die Durchführung und Bewertung der Zytotoxizitätsprüfung regelt.

Welche Zelllinie wird standardmäßig verwendet?

Die am häufigsten eingesetzte Zelllinie ist L929 (Maus-Fibroblasten). ISO 10993-5 lässt andere Zelllinien zu, sofern deren Eignung begründet wird. Für spezifische klinische Fragestellungen können primäre Zellen oder humanrelevantere Zelllinien sinnvoll sein.

Welchen Grenzwert legt ISO 10993-5 für die Zellviabilität fest?

Der Grenzwert liegt bei 70% Zellviabilität im Vergleich zur Negativkontrolle. Eine Viabilität unter 70% gilt als zytotoxisch. Oder anders ausgedrückt: Eine Einschränkung von Zellviabilität/Wachstum von mehr als 30% gilt als zytotoxisch. Dieser Grenzwert gilt für quantitative Methoden wie den MTT-Assay. Für qualitative Methoden gilt das morphologische Grading nach ISO 10993-5, Tabelle 1 und 2.

Darf das Rohmaterial anstelle des fertigen Produkts geprüft werden?

Nein. Das finale Produkt muss geprüft werden, bevorzugt nach dem letzten Produktionsschritt inklusive Reinigung und Sterilisation und in Originalverpackung. Die Prüfung des Rohmaterials allein reicht nicht aus, weil Fertigungsprozesse und Sterilisationsverfahren die Substanzfreisetzung verändern können.


Fazit

Zytotoxizität von Medizinprodukten ist kein isolierter Test, sondern Teil eines regulatorischen Systems. ISO 10993-5 definiert die Methoden und Bewertungskriterien. ISO 10993-12 regelt die Probenvorbereitung. ISO 10993-1 und der Biokompatibilitätsplan geben den Rahmen vor, in dem Ergebnisse bewertet werden.

Ein positives Testergebnis erfordert eine toxikologische Einordnung, keine Panikreaktion. Wenn Sie den Prozess von Anfang an strukturiert aufbauen, Prüfkörper korrekt aufbereitet, die richtigen Extraktionsbedingungen wählen und Ergebnisse vollständig dokumentieren, schaffen Sie damit eine solide Basis für den BER und die Gesamtbewertung der biologischen Sicherheit.

Wenn Sie Unterstützung bei der Erstellung Ihres Biokompatibilitätsplans oder bei der Bewertung von Zytotoxizitätsergebnissen benötigen, sprechen Sie mich gerne an.

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